Der Süden (Südosten / Südwesten)
Dem Südosten werden die vier Regionen Androy, Anosy, Ihorombe sowie Vatovavy zugerechnet. In der Region Androy befindet sich am Cap St. Marie (Tanjona Vohimena) der südlichste Punkt Madagaskars. An der über 100 m hohen Steilküste herrscht ein rauhes Klima mit einem das ganze Jahr über stark wehenden Wind. Im hier eingerichteten Naturschutzgebiet (Réseve Naturelle de Cap Sainte-Marie) sind insbesondere die Strahlenschildkröten die unbestrittene Attraktion.

Tolagnaro (Fort Dauphin)
Rund 230 km östlich des Kaps liegt die bei Touristen beliebte und sehr schön gelegene Hafenstadt Tolagnaro (ehemals Fort Dauphin). Zu Beginn des 16. Jahrhunderts bauten portugiesische Schiffbrüchige hier erstmals eine Siedlung. 1642 kamen die Franzosen und bauten im Auftrag der Französischen Ostindienkompanie (Compagnie des Indes Orientales) eine Festung, die sie zu Ehren des Thronfolgers, den späteren Louis XIV, Fort Dauphin tauften.
Doch schon dreissig Jahre später wurden sie nach Kämpfen mit der Lokalbevölkerung vertrieben und Piraten nutzten die Siedlung fortan als Stützpunkt für ihre Raubzüge im Indischen Ozean. Im 19. Jahrhundert erlebte die Stadt als Militärgarnison und Exporthafen für die Sisalindustrie ihre Blütezeit. Nach der Unabhängigkeit Madagaskars ging es mit der Stadt allerdings rasant bergab.
In jüngster Zeit hat sie sich mit dem Abbau von Titaneisenerz wirtschaftlich wieder etwas erholt. Das kanadische Bergbauunternehmen Rio Tinto hat viele dringend benötigte Arbeitsplätze geschaffen und die Infrastruktur der Stadt ausgebaut. In der Galionsbucht wurde ein neuer Tiefseehafen gebaut. Allerdings hat der Bergbau zahlreiche Umweltprobleme mit sich gebracht. Ganze Berge und Hügel wurden weggesprengt und grosse Waldflächen gerodet. Generell ist die Verkehrsinfrastruktur auch in diesem Teil des Südens sehr unterentwickelt. Die Strassen ins Hochland in Richtung Fianarantsoa oder der Ostküste entlang nach Manakara sind in einem sehr schlechten Zustand und nur mit viel Zeitaufwand zu passieren.

Die grosse Trockenheit und der Mangel an Trinkwasser sind bedeutende Hemmnisse für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Gegend. Die vorherrschende Not hat viele Familien in der Hoffnung auf ein besseres Leben zur Auswanderung nordwärts bewogen.
Der Südwesten besteht einzig aus der Region Atsimo-Andrefana. Wie auch der Südosten leidet dieser Landesteil unter der grossen Trockenheit. Grundwasser ist zwar vielerorts grundsätzlich vorhanden, doch erweisen sich die Brunnenbohrung und die tägliche Wasserbeschaffung als problematisch.

Ein grosser Teil der Bevölkerung ist um die Stadt Toliara und die fruchtbareren Täler sowie entlang der Strassen und in einigen oasenartigen Gunstzonen konzentriert. Seit Generationen gehört die Migration in andere Landesteile zu den festen Bestandteilen dieser Gegend von Madagaskar. Viele gingen in der Absicht, in der fremde Kapital anzusparen und sich dann nach ihrer Rückkehr Vieh zu kaufen und zu heiraten. Ein grosser Teil der Ausgewanderten kehrte jedoch nicht mehr zurück.
Toliara (Tuléar)
Toliara (resp. Tuléar) ist mit seinen rund 200’000 Einwohnern die mit Abstand grösste Stadt in dieser Gegend. Die Mehrheit der Einwohner gehört dem Volk der Vezo an, doch es gibt auch zahlreiche Zuwanderer aus anderen Landesgegenden sowie vom indischen Subkontinent.
Französische Piraten landeten im 17. Jahrhundert in der Bucht von St. Augustine und gründeten dort einen Handelsplatz. Der Name Toliara bedeutet „wo man gut ankern kann” (toly eroa). Bis zur Eroberung durch die Merina im Jahre 1835 wurde sie von den Mahafaly beherrscht. Doch erst unter französischer Kolonialherrschaft wuchs ihre Einwohnerzahl und die Stadt entwickelte sich zu einem regionalen Zentrum. Die Franzosen legten ein rechtwinkliges Strassennetz an und bauten den Hafen aus. Der Boulevard Galliéni ist auch heute noch die repräsentativste Strasse der Stadt. Die katholische Kathedrale Saint Vincent de Paul ist der Sitz der Erzbischöflichen Diözese von Toliara.
Die Stadt ist durch die RN7 mit dem zentralen Hochland und der Hauptstadt verbunden. Die im Umland produzierten landwirtschaftlichen Produkte wie Mais, Cassava und Reis sowie das Vieh (in erster Linie Rinder und Ziegen) werden auf den Märkten der Stadt gehandelt. Der Grosshandel befindet sich fast ganz in den Händen der Indo-Pakistaner, die im Handel mit Stoffen und Kleidern, Autoersatzteilen und Eisenwaren quasi ein Monopol ausüben. Madagassen sind nur im Detailhandel in den kleinen Epicerien der Quartiere und auf den Ständen der Märkte tätig.
Der Hafen spielt eine wichtige Rolle beim Im- und Export von Sisal, Baumwolle, Reis, Nüssen und Seifen. In der Umgebung wird auch Speisesalz aus dem Meerwasser gewonnen. Der Meeresboden ist reich an Mineralien. Vor wenigen Jahren hat eine kanadische Firma damit begonnen, Ilmenit (Titaneisenerz) abzubauen. In der Bucht von Toliara befindet sich auch eine der wenigen Ölbohrstellen von Madagaskar. Abgesehen von den Minenaktivitäten hat der industrielle Sektor in den letzten Jahren allerdings an Bedeutung verloren.
Die Region um Toliara weist eine grosse Varietät an Landschaften auf. Die mehrheitlich trockene und im wesentlichen entwaldete Region kennt sehr unterschiedlich ausfallende Regenmengen. Generell dominiert eine Savanne mit verschiedenen Palmenarten, mit Tamarinden (kily), Büschelgräsern und zuweilen auch mit Trockenwäldern.
Südlich von Toliara in Antsokay hat der Schweizer Hermann Petignat 1980 das Arboretum angelegt. Auf diesem 40 ha grossen Gelände ist mit den über 900 Pflanzenarten die gesamte Flora des Südens auf kleinstem Raum zu besichtigen. Daneben sind im Arboretum auch Vögel und Reptilien zu bewundern. Ein kleines Museum mit naturgeschichtlichen und ethnologischen Exponaten rundet den Besuch ab. Seit dem Tod des Gründers im Jahre 2000 wird das Arboretum von dessen Sohn geführt.
Entlang der Südwestküste
Toliara ist auch Ausgangspunkt der Touristentouren durch den Grossen Süden und bietet ein paar Hotels, aber keinen Strand. So entstand im Dorf Ifaty nördlich der Stadt ein Ferienressort mit mehreren Hotels. Nach Morombe gelangen nur sehr wenig Touristen und fast gar keine nach Beroroha, obwohl von dort aus eine mehrtägige Pirogenfahrt den Fluss Mangoky hinunter äusserst interessant und abenteuerlich ist. Der Mangoky wird von den Bewohnern auf 150 Kilometern genutzt, um ihre Landwirtschaftsprodukte per Piroge aus der Zone hinauszuschaffen.

Für Touristen werden Fahrten auf dem Onilahy ab Tongobory angeboten, verbunden mit einem Besuch der sieben Seen. Etwas südlich des Onilahy befindet sich das einsame Réserve Naturelle Tsimanampetsotsa um einen See, in dem blinde Fische schwimmen und an dessen Ufern sich tausende von rosa Flamingos aufhalten.
Doch nicht nur für die Bedürfnisse des Tourismus, sondern vor allem für den Austausch von Produkten ist die Infrastruktur ungenügend ausgebaut, zum einen sind die Strassen in schlechtem Zustand, zum anderen werden die Transportmittel von wenigen Händlern monopolisiert. Wegen der schlechten Strassen werden auch heute noch viele Güter mit Pirogen der Küste entlang transportiert. Grössere Güter entlang der Westküste werden mit Lastenseglern (boutry) transportiert. So zum Beispiel wird Morombe, das über keine Hafenanlagen verfügt, wie seit Jahrhunderten mit diesen motorlosen Schiffen mit Treibstoff versorgt.
Der Podcast über das zentrale Hochland Madagaskars:

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